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Ein alter Baum für Wärme, Kraft und Trost

Krankenhaus-Seelsorger Johannes Lorenz erhält eine Robinien-Stele für seine Arbeit

MAZ LUCKENWALDE – Der Seelsorger im Luckenwalder DRK-Krankenhaus hat gut zu tun, das kann man auch daran festmachen, dass die Hausleitung ihm kürzlich einen weiteren Tag in der Woche für die Tätigkeit eingeräumt hat. Dennoch nahm sich Johannes Lorenz kürzlich Zeit, mit zwei Gästen ein neues Einrichtungsstück in seinem Gesprächsraum eingehend zu betrachten. Die beiden Besucher waren Klaus-Peter Gust, Holzbildhauermeister und Firmeninhaber des Unternehmens Sik-Holz, sowie dessen Mitarbeiter Michael Maßmann. Das Objekt hatten die beiden fix ins Krankenhaus gewuchtet. Es handelte sich nicht um ein Möbel, sondern um eine Stele: ein außergewöhnlich anmutender, knapp zweieinhalb Meter hoher und fast 200 Kilo schwerer Robinienstamm, der künstlerisch bearbeitet wurde. Dieser Blickfang dominiert jetzt Lorenz’ Arbeitsplatz.

Vor einem halben Jahr empfand der Seelsorger, dass sein nüchterner Raum nicht optimal für Gespräche mit Patienten, Hinterbliebenen oder Mitarbeitern war, die ihn in schweren Krisen aufsuchen. Auch wenn er an die Krankenbetten ging, vermisste er etwas, das er oder sein Patient in die Hand nehmen könnten – etwas, das Wärme, Kraft und Trost ausstrahlt. „Ich hatte etwas vor meinem geistigen Auge, das gelebtes Leben in all seinen Facetten symbolisiert: glatt und rund, aber auch verletzt, unregelmäßig, gesplittert, mit Höhlen und Verzweigungen.“ Dem gelernten Stellmacher war klar, dass nur Holz als Werkstoff in Frage kommt.

Von der Arbeit in der Kirchengemeinde kannte Johannes Lorenz Klaus-Peter Gust als leidenschaftlichen Holzbildhauer. Er sprach ihn an, erläuterte seine Gedankengänge und war fasziniert. „Mensch und Künstler in meinem Gegenüber fingen spontan an mitzufühlen, meine Ideen aufzunehmen“, erinnert sich der Seelsorger.

Lorenz hatte ein „Urvertrauen“, als er den ungeschriebenen Auftrag in die Hand des Unternehmers gab. „Mir war es wichtig, eine so sensible Arbeit an den Schnittstellen des Lebens unterstützen zu können“, so Gust. Und wusste auch gleich, wo er das passende Holz finden würde: „Auf unserem Lagerplatz gibt es eine Ecke mit Stämmen, die man Querulanten nennen könnte – ausgesprochene Individualisten. Diese Robinie habe ich vor fast 20 Jahren in den Seelower Höhen ausgesucht, sie war wie bestimmt für die Aufgabe.“ Klaus-Peter Gust legte selbst Hand an Stechbeitel, Klöpfel und Schleifschwamm. Immer wenn er Zeit fand, ging er in die Werkstatt. Kein Schönling entstand, denn der Patient Baum war schon lange krank, bevor er gefällt wurde. „Die Robinie hatte Maserwüchsigkeit, ein Krebsgeschwür, das das Holz verwirbelt. Der Kern war völlig zerstört“, sagt er.

Er hat die verletzten Stellen nicht behandelt, nur Rinde entfernt, kleine Stellen dezent goldfarben gestaltet, geschliffen und gewachst. Und in Augenhöhe entstand eine geschnitzte halbe Hohlkugel, auf der ein Kreuz mit Inschrift steht. Dieses Teil und die darunter liegende Holzkugel, ein Samenkorn in der Erde, sind abnehmbar und aus dem Stamm gewonnen. Aufgesteckt auf eine Holzplatte hat der Seelsorger nun auch den Wanderaltar, den er für Gottesdienste oder Aussegnungen mit auf die Station nehmen kann.

Quelle: Andrea v. Fournier, Märkische Allgemeine vom 20.06.2008
Märkische Allgemeine vom 20.06.2008

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